Nicht ohne Meine Eltern?
- reufzaat
- 17. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit

Warum gut gemeinte Hilfe den Einstieg in die Arbeitswelt erschweren kann.
Heute früh fragt Oliver Scheel für den WDR, wie selbstständig die Generation Z beim Berufseinstieg wirklich ist. Eine Replique auf einen Insta-Post von Carsten Maschmeyer. Dabei stehen schnell die Eltern im Fokus. Der Beitrag ordnet ein, lässt Akteure zu Wort kommen, vermeidet Pauschalisierungen und betont zu Recht die Bedeutung elterlicher Unterstützung bei der Berufsorientierung. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Eltern den richtigen Zeitpunkt erkennen müssen, an dem sie loslassen sollten.
Diese Einordnung ist richtig und bleibt dennoch im Ungewissen. Die Frage, die Eltern im Alltag wirklich beschäftigt, lautet nicht: Ob sie helfen sollen, sondern: wann Hilfe sinnvoll ist und wie weit sie gehen darf?
Warum loslassen so schwierig ist.
Nach meiner Erfahrung aus vielen Eltern-Kind-Gesprächen weiß ich: Eltern unterstützen ihre Kinder in der überwiegenden Mehrzahl nicht aus einem originären Kontrollbedürfnis heraus, sondern weil sie sich verantwortlich fühlen. Und wer will ihnen das verdenken?
Dass es Eltern so schwerfällt, einen Schritt zurückzutreten, ist kein Zufall und kein Zeichen mangelnder Erziehungskompetenz. Über viele Jahre hinweg waren sie emotional, rechtlich und praktisch in der Verantwortung: Sie haben Entscheidungen getroffen, Grenzen gesetzt, Risiken eingeschätzt und im Zweifel eingegriffen. Dieses Verantwortungsmodell endet nicht abrupt mit dem Eintritt ins Jugendalter.
Entwicklungspsychologisch kommt hinzu, dass Jugendliche zwar zunehmend eigenständig handeln wollen und sollen, nach außen aber oft wenig verlässlich wirken. Impulsivität, Stimmungsschwankungen und widersprüchliche Entscheidungen sind an der Tagesordnung. Aus elterlicher Perspektive entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits wird Eigenverantwortung erwartet, andererseits scheint das Verhalten des Kindes genau das infrage zu stellen.
Loslassen in dieser Phase ist kein pädagogischer Rückzug, sondern ein Rollenwechsel. Es geht nicht darum, weniger Verantwortung zu übernehmen, sondern eine andere. Und genau das ist schwerer, als es klingt.
Die heutige Berufswelt ist komplexer, unübersichtlicher und schneller geworden als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Ausbildungswege haben sich verändert, Anforderungen sind gestiegen, Informationen sind überall vorhanden, aber selten klar strukturiert.
In dieser Situation erscheint es nur logisch, dass Eltern stärker eingreifen möchten. Sie haben Lebenserfahrung, organisatorische Kompetenz und oft den Wunsch, ihren Kindern Wege zu ersparen, die sie selbst als mühsam erlebt haben. Genau hier beginnt jedoch ein strukturelles Dilemma.
Das Dilemma der Eltern: Nähe ist Stärke – und Schwäche zugleich
Das Dilemma heißt: Rollenkonflikt. Eltern befinden sich in der Berufsorientierung ihrer Kinder in mehreren Rollen gleichzeitig. Sie sind emotionale Schutzinstanz, Ratgeber, Sicherheitsnetz und nicht selten auch Projektionsfläche eigener Biografien und Bedürfnisse. Diese Rollen lassen sich nicht sauber trennen und genau das macht sie so konfliktanfällig.
Emotionale Nähe ermöglicht Vertrauen, erschwert aber Distanz. Eigene Berufserfahrungen können Orientierung geben, sind jedoch häufig nicht mehr deckungsgleich mit den heutigen Realitäten. Die neue Komplexität der Berufswelt betrifft nicht nur Jugendliche, sondern auch die Elterngeneration selbst.
Eltern scheitern in dieser Phase selten an mangelnder Fürsorge. Sie scheitern daran, dass ihre Rollen sich gegenseitig widersprechen.
Wie weit darf Hilfe gehen?
Auch wenn ich persönlich kein Fan von Carsten Maschmeyer bin, trifft seine Zuspitzung einen wahren Kern: kein Arbeitgeber möchte eine elterlich verfasste Bewerbung auf dem Schreibtisch haben. Was gut gemeint ist, sendet ungewollt eine problematische Botschaft: „Ich traue Dir das nicht zu.“
Für Jugendliche wie für Arbeitgeber entsteht so ein doppeltes Problem. Entweder die Bewerbung wirkt unauthentisch und scheidet früh aus. Oder sie weckt falsche Erwartungen, die spätestens im persönlichen Kontakt auffallen werden.
Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen. Eltern handeln in solchen Momenten meist aus Zeitdruck, aus Sorge vor Ablehnung oder aus dem Wunsch, ihrem Kind unnötige Frustration zu ersparen. Problematisch ist nicht die Motivation, die Wirkung aber ist es sehr wohl.
Wer Bewerbungen, Entscheidungen oder Gespräche für Jugendliche übernimmt, nimmt ihnen nicht nur Arbeit ab. Er nimmt ihnen die Erfahrung, Verantwortung zu tragen, Unsicherheit auszuhalten und eigene Lösungen zu entwickeln.
Ich habe kurz an dieser Stelle meine eigene Erfahrung reflektiert, die natürlich schon einige Jahrzehnte alt ist. Ja, insbesondere meine Mutter hat mir in den ersten Schuljahren häufig geholfen, den richtigen Einstieg in einen Aufsatz zu finden, was mir anfangs erkennbar schwer fiel. Zum Teil haben wir viele Stunden damit verbracht und Tränen sind auch geflossen. Aber wenn die erste Hürde genommen war, war es an mir, die Aufgabe fertigzustellen. Und nein: meine Eltern haben zu keinem Zeitpunkt jemals eine Bewerbung für mich geschrieben, maximal auf Rechtschreibefehler gegengelesen, aber auch das eigentlich nur ganz zu Anfang und weil mein Vater ein laufender Duden war.
Was Jugendliche in dieser Phase wirklich lernen müssen
Berufsorientierung ist keine rein organisatorische Aufgabe. Sie ist Teil eines Entwicklungsprozesses und gehört zum Erwachsenwerden. Jugendliche müssen in dieser Phase lernen, Entscheidungen zu treffen, Rückschläge zu verarbeiten, ihre eigenen Stärken zu benennen und mit Unsicherheit umzugehen.
Genau hier bleibt der öffentliche Diskurs oft stehen: Er beschreibt das Problem, ohne die Entwicklungslogik dahinter zu erklären.
Wer sich vertieft mit den psychologischen Prozessen der Berufswahl befassen möchte, findet in meinem Artikel aus Juli 2025 eine ausführliche Einordnung dieser Phase.
Kompetenzen entstehen nicht durch perfekte Ergebnisse, sondern durch Auseinandersetzung. Nicht durch fehlerfreie Bewerbungen, sondern durch eigene Versuche. Und durch Irrtum. Nicht durch Schutz vor Frustration, sondern durch das Erleben, dass man mit ihr umgehen kann.
Warum externe Begleitung entlastet
Sollen sich Eltern nun komplett raushalten? Nein, natürlich nicht.
Seit September betreue ich 8. und 9. Schulklassen während der Potenzialanalyse im Programm KAoA – kein Abschluss ohne Anschluss. Dabei zeigt sich deutlich: Jugendliche erwarten die Unterstützung ihrer Familie bei der Berufsorientierung. Auf die Frage, wer sie bei dieser Entscheidung begleiten kann, nennen sie fast immer zuerst ihre Eltern, gefolgt von weiteren vertrauten Familienmitgliedern. Unterstützung wird also nicht nur akzeptiert, sondern Jugendliche setzen und vertrauen auf diese Unterstützung.
Doch wer entlastet die Eltern?
An diesem Punkt kann externe Begleitung sinnvoll sein. Nicht als Ersatz für Eltern, sondern als Ergänzung. Eltern bleiben Eltern, mit all ihrer Nähe, Verantwortung und Emotionalität. Jugendliche bleiben verantwortlich für ihre Entscheidungen.
Externe Beratung setzt dort an, wo elterliche Unterstützung an ihre natürlichen Grenzen stößt. Nicht, weil Eltern etwas falsch machen, sondern weil sie zu nah dran sind. Nähe ist im Familienkontext eine große Stärke. In Entscheidungsprozessen jedoch erschwert sie oft genau das, was eigentlich gebraucht wird: professionelle Distanz, Klarheit und Struktur.
Eine neutrale, professionelle Begleitung schafft einen Rahmen, den Familien allein häufig nur schwer herstellen können. Sie hilft Jugendlichen, ihre Gedanken zu sortieren, Worte für Unsicherheit zu finden und Verantwortung schrittweise zu übernehmen, ohne sie zu überfordern. Gleichzeitig entlastet sie Eltern, weil sie nicht jede Unsicherheit selbst auffangen, moderieren und einordnen müssen.
Der entscheidende Unterschied: externe Beratung übernimmt keine Entscheidungen. Sie strukturiert einen hochemotionalen Prozess und ermöglicht es Jugendlichen zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Mit Rückhalt, aber ohne Stellvertretung. Genau darin liegt ihr Wert.
Dass externe Berufsberatung in Deutschland noch nicht selbstverständlich genutzt wird, hat auch strukturelle Gründe. Bis Ende der 1990er Jahre lag das Monopol für berufliche Beratung gesetzlich bei der Bundesagentur für Arbeit. Dort arbeiten viele engagierte Fachkräfte, deren Arbeit ich aus eigener Ausbildung und Tätigkeit gut kenne und schätze. Gleichzeitig sind die Kapazitäten begrenzt und nicht jede Familie findet dort den Zugang, der zu ihrer Situation passt.
Externe Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Versagen. Es ist ein Zeichen dafür, Verantwortung ernst zu nehmen und sich einzugestehen, dass man nicht jede Rolle gleichzeitig ausfüllen kann.
Orientierung braucht Mut zur Lücke
Eltern spielen eine, ja die zentrale Rolle in der Berufsorientierung ihrer Kinder. Ohne sie geht es nicht. Aber mit zu viel Nähe oft auch nicht besser. Wer Jugendlichen jeden Stolperstein aus dem Weg räumt, nimmt ihnen die Möglichkeit, an eigenen Erfahrungen zu wachsen.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, wie viel Eltern tun sollten, sondern, was sie bewusst nicht tun sollten, um Entwicklung zu ermöglichen. Kurz einen Schritt zurücktreten und von außen auf die Situation gucken kann helfen. Oder eben externe Unterstützung einholen.
Und den Eltern sage ich: seien Sie beruhigt, denn die Arbeitswelt ist komplexer geworden, als Sie und ich es noch kennen mögen, aber sie bietet auch viele neue Chancen und jungen Menschen stehen heute ganz andere Möglichkeiten offen, gerade weil sie weniger sind und Fachkräfte dringend gesucht werden. Und selbst wenn nicht jeder erste Schritt direkt ein Volltreffer wird? So what? Dann klappt es eben im zweiten oder dritten Anlauf, davon geht die Welt nicht unter. Mehr noch, es bereitet ihre Kinder frühzeitig auf das vor, was sie später im Berufsleben ohnehin erwarten wird, nämlich die kontinuierliche Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen.
Orientierung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch das Vertrauen, dass junge Menschen ihren Weg gehen können – mit Begleitung, aber nicht mit Stellvertretung.
Ein persönlicher Hinweis zum Schluss:
Wenn Sie beim Lesen gemerkt haben, dass Sie sich in einigen der beschriebenen Situationen wiederfinden, dann geht es Ihnen wie vielen Eltern, die ich begleite. Berufsorientierung soll aber kein Kraftakt sein, nicht für die Jugendlichen, aber auch nicht für ihre Familien.
Manchmal hilft ein neutraler Blick von außen, um Rollen zu klären, etwas Leichtigkeit ins Spiel zu bringen und wieder handlungsfähig zu werden. Ob im Gespräch mit Eltern, Jugendlichen oder gemeinsam: Professionelle Begleitung kann genau dort entlasten, wo Nähe an ihre Grenzen stößt.
Mehr zu meiner Arbeitsweise in der Berufsorientierung finden Sie hier.
Oder schauen Sie sich meine Angebote für Eltern und Jugendliche direkt an. Sie finden Sie in der Rubrik "Entdecke Deine Leidenschaft".



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